Frauen in Film und Fernsehen: Klischee oder Nebenrolle // Sunday Thoughts

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Wer die Netflix Serie Stranger Things gesehen hat, weiß: Ohne starke Frauen wäre die Welt schon längst den Demogorgons in die Klauen gefallen. Eleven rettet, kämpft, telekinest und blutet aus der Nase wie ein echter Superhero - aber ist das im feministischen Sinne genug?

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Vielleicht vermutet ihr gerade bei Stranger Things keinen Sexismus, doch trotzdem bedient die Serie unterschwellig Muster, welche für Frauenrollen sehr typisch sind. Stranger Things ist nicht das beste Beispiel, um Sexismus betreffend Frauen in Film und Fernsehen aufzuführen. Aber es ist das beste Beispiel, um zu zeigen, wie unauffällig sich die immer gleichen Muster auf der Leinwand wiederholen. Sogar in einer meiner neuen Lieblingsserien. Überall. Manchmal deutlich, manchmal abgeschwächt. Dass es wenig aufzufallen scheint, ist umso bedrückender. 

Stereotypische Handlungsstränge in Stranger Things

Wie durch mein T-Shirt zu vermuten, mag ich Stranger Things trotzdem. Ich wünschte mir bloß, einmal wenigstens dürfte eine Mädchenbande die Welt retten. Und dabei die Hauptrollen besetzen. Es reicht nicht, dass sich ein paar interessante Frauencharaktere um die wirklichen Stars der Serie versammeln: Denn diese sind nach wie vor männlich. Die Handlung kreist um die kleine Highschool Nerd Gang einer amerikanischen Kleinstadt in den 80s. Die Jungs retten Eleven – als toughen Frauencharakter – zunächst. Folge für Folge verknallt sich einer der Hauptdarsteller zunehmend in sie, wobei die Screentime jedoch durchgehend männlich dominiert wird. In der zweiten Staffel trifft die Jungsbande nach Elevens Verschwinden auf ein neues Mädchen, welche nun die „Frauenquote“ der Gruppe belegt. Unterschwellig bedient Stranger Things mit seiner Handlung dabei gleich mehrere Klischees, welche sich zu oft in Film und Fernsehen finden lassen.

Und im echten Leben? Millie Bobbie Brown, die 13-jährige Schauspielerin, welche in Stranger Things das Mädchen Eleven spielt, wurde vom W-Magazin zur „Sexiest Actress“ ernannt (Mehr dazu). Solche Bezeichnungen für ein Kind sind einfach falsch. Auf der Leinwand oder außerhalb davon: Frauen und Mädchen werden stark sexualisiert.  

 

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Typische Rollen von Frauen in Film und Fernsehen

Wähle deine Heldin: die Prinzessin in Not, das sexy Babe oder die Heulsuse aus der romantischen Komödie. 

„Damsel In Distress“

Zu Deutsch etwas seltsamer „Jungfrau in Nöten“, bezeichnet die stereotype Rolle einer Frau, die in Not gerät und (von Männern) gerettet werden muss. Ihr findet diese Erzählung in allen Formen und Farben immer und immer wieder. Eleven stellt eine ungewöhnlich toughe Damsel in Distress dar, welche sich zunehmend ihre Selbstständigkeit erarbeitet. Beim Horrorfilm IT, welcher im ähnlichen Setting spielt – Jungsbande, 80s, Kleinstadt – sieht man ein stärkeres Beispiel: Dort wird das junge Mädchen gekidnapped und wartet auf seine Rettung. Ach ja, nebenbei ist sie natürlich auch der Crush der Jungsbande und wird in Unterwäsche gezeigt. Auch sie spielt ein Kind.

Die Männer sind die Retter und die Frauen sind die Geretteten.

„Objekt der Begierde“

Oft sind Frauen nur die Accessoires der männlichen Hauptcharaktere, mit der Funktion etwas sexy Spice in die Storyline zu bringen. Eleven ist wunderbar als starker Frauencharakter, doch würde ich mir wünschen, dass ihre Figur nicht an diese stereotype Rolle angepasst worden wäre. Müssen Frauen und Mädchen stets das Love Interest mindestens einer der männlichen Hauptfiguren sein? Frauen sind mehr als Anhängsel. Frauen sollten nicht auf der Leinwand zu sehen sein, weil die Produktion etwas Deko für das männliche Publikum haben wollte. 

 

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Unterrepräsentierte Nebencharakter

Einer neuen Deutschen Studie nach, stellen Frauen lediglich ein Drittel der Hauptcharaktere im Deutschen Fernsehen (mehr dazu). Männer als Protagonisten: So ist es bei der Jungs-Gang in Stranger Things, so ist es bei der Jungs-Gang in IT, so ist es bei diversen nationalen und internationalen Filmen und Serien. Das Verhältnis von weiblicher und männlicher Screentime ist zudem stark unausgeglichen. Häufiger Kritikpunkt ist ebenfalls, dass es in Geschichten mit männlichen Gruppen als Protagonisten oft exakt einen Frauencharakter gibt, welcher die „Frauenquote“ erfüllt. Bei Stranger Things ist dies erst Eleven, dann ihre Nachfolgerin Max in Staffel 2. Dieser Artikel analysiert dieses Problem der Serie wunderbar. Wie sich Stranger Things verbessern könnte? Wenn in Staffel 3 Max und Eleven bei den Jungs mitmischen.

Die Heulsuse

Eine Chance auf die Hauptrolle haben Frauen vielleicht, wenn es um romantische Komödien geht. Die Männer gehen raus und retten die Welt, die Frauen treffen sich zum Mädelsabend und erzählen sich ihre Männergeschichten. Glaubt man den meisten TV- und Filmproduktionen, reicht das Universum der Frauencharaktere vom Bett bis zum Altar.

Redet ihr nicht auch den ganzen Tag ausschließlich über Affären, Tampons und Mascara? Ist nicht auch das einzige, was eurem Leben wieder Sinn gibt, dass ER euch zurückruft?

Anscheinend sind die Frauenrollen in den 60er Jahren hängen geblieben. Auch die Deutsche Studie belegt, dass Frauencharaktere öfter im Zusammenhang mit Themen wie Beziehung und Partnerschaft gezeigt werden.

Wie ein Strich auf Papier

…genauso eindimensional werden Frauen teils porträtiert. Interessanter Charakter mit Leidenschaften? Fehlanzeige, man greift auf Klischees zurück. Schlecht Einparken und Make-Up statt starker, eigener Meinung. Und falls ihr dachtet, diese Überschrift würde sich auf das schlanke Schönheitsideal beziehen: Das ist genauso ein Problem in der Filmindustrie wie Rassismus.

 

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No country for old women

Eine Grafik des Instituts für Medienforschung im Artikel „Männer handeln, Frauen kommen vor“ (lesenswert!) zeigt euch, wie stark der weibliche Anteil der Darsteller mit deren Alter sinkt. Frauen über 80 sind am Ende nur noch mit 20% vertreten. Dabei wird sich auf jede Art von Rolle bezogen – nicht nur Hauptrollen. Frauen haben jung und schön zu sein, aber ab der ersten Schwangerschaft sollen sie doch bitte runter von der Leinwand.

Wannabe Feminismus

Und wenn doch einmal eine Frau die Welt retten darf, dann nur, um in Spielfilmlänge feuchten Traum zu spielen. Von Wonder Woman bis Lara Croft: im Vordergrund steht immer die Ausrichtung auf männliche Zuschauer. Kurze Kostüme, heiße Sprüche. Zur Schau gestellte Weiblichkeit und Feminismus sind kein Widerspruch, doch stark sexualisierte Protagonistinnen für den „male gaze“, den männlichen Blick, sind alles andere als feministisch. Es ist im Gegenteil eher ein schlechter Witz – vielleicht sogar gefährlich – solche Rollen überhaupt als feministisch darzustellen.

 

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Film und Fernsehen haben enorme Macht

Wer täglich mit bestimmten Rollenverhältnissen berieselt wird, von Kindheit an, nimmt diese auf. Uns Frauen wird dauernd suggeriert, wir könnten nur zwischen Damsel in Distress, Objekt der Begierde oder der Rolle als Heulsuse wählen. Was bleibt uns als Girl Power Film? Das weibliche Remake von Ghost Busters? 

Ein erster Schritt in Richtung einer Gleichstellung von Männern und Frauen in Film und Fernsehen ist es, ein Bewusstsein für den vorhandenen Sexismus zu schaffen. Wir brauchen Zuschauer, denen dieser Sexismus überhaupt auffällt und die diesen kritisieren – wie sonst soll sich eine Veränderung durchsetzen? Eine plumpe „So ist das halt“-Mentalität hat uns als Gesellschaft noch nie voran gebracht.

Der Bechdel Test

Im Zweifelsfall könnt ihr bei jedem Film, den ihr seht, mal den Bechdel-Test anwenden: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen?  Sprechen sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann? In der neueren Version noch: Haben die Frauen Namen? Lauten nicht alle Antworten „Ja“, fällt der Film direkt durch. Der schnelle Feminismus Check zeigt euch, auf was für einem frustrierend niedrigem Anspruchsniveau viele Filme bereits versagen. Zwei Frauen mit Namen, die sich nur einmal über etwas anderes als einen Mann unterhalten? Das sollte doch einfach sein, denkt man sich. Im Durchschnitt sind es nur ca. 58% der Filme, die alle Fragen bestehen. Über die letzten Jahre verbesserte sich der Durchschnitt nur leicht. Hier könnt ihr genau nachlesen, wie lächerlich viele Filme bereits auf unterster Feminismus Stufe versagen.

…Und Stranger Things?

Obwohl Stranger Things eine Serie ist und daher mehr Chancen und Zeit für weibliche Action bietet, besteht die erste Staffel den Bechdel Test tatsächlich nicht

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10 Comments

  • Ich kenne diese Serie, die du ansprichst nicht, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, auf was du anspielst. Und du hast das sehr gut beobachtet. Nach meiner Meinung ist es kein Zeichen von wachsender Emanzipation, wenn die Frauenrollen so ausgelegt wird, dass die Mädels genauso hart kämpfen müssen, genauso agieren und reden, wie ihre männlichen Kollegen. Dazu sind sie auch noch gezwungen, viel stylischer, hübscher, schlanker und sexy daherzukommen, wie ihre männlichen Kollegen.
    Was für ein Stress!
    Man stelle sich eine Frau vor, eine Kämpferin für irgendwas, die neben ihrem Training in Schießen, Kampfsport und Bekämpfung von Aliens auch noch in Stilettos und angesagten Klamotten rumrennen muss. Perfekt geschminkt usw. natürlich auch.
    Von Männern wird das nicht verlangt und im richtigen Leben ist das wahrscheinlich ganz anders.
    Liebe Grüße Sabienes

  • Alien? Auch wenn Sigourney Weaver mehrfach die Welt rettet, als feuchter Traum wurde sie nicht inszeniert.

    Laut http://bechdeltest.com/ besteht Stranger Things übrigens nicht.

    Ansonsten sieht das schon besser aus, auf der Seite würde ich schätzen bestehen inzwischen 50% der Filme, hat sich ja schon was getan.

    • Habe nochmal überlegt & nachgesehen: Stranger Things erste Staffel besteht nicht, die zweite schon. Denk mal an die Folge, bei der Eleven ihre „Schwester“ findet oder die, in der sie ihre Mutter trifft. Musste ich aber auch erst überlegen. Aber ich habe es Staffel-spezifisch aktualisiert, vielen Dank

      Und ja stimmt, es gibt natürlich gute Filme mit tollen Frauenrollen – aber zu wenig!

      Liebe Grüße,
      Malin

  • Stranger Things will ich schon so lange mal sehen, das muss ich endlich mal machen. Ich weiß genau was du meinst, gerade unter einigen Kolleginen stelle ich genau das fest und wundere mich immer wieder.

  • Ich kenne Stranger Things (noch) nicht, aber ich finde auch es sollte mehr Serien und Filme mit überzeugenden Frauenrollen geben. Aktuell schaue ich die dritte Staffel von Fear The Walking Dead und finde die Frauen (Madison und Alicia) in den Hauptrollen super. Die ersten zwei Staffeln fand ich dagegen schwächer. Komme zur Zeit nur leider so selten zum Serien schauen und brauche ewig für eine Staffel.

  • Irgendwoher kenne ich die Serie. Ich habe aber gerade kein Bild oder Charaktere im Kopf. Wenn es aber eine Serie gewesen wäre, die mir gefällt, wurde ich mich sicherlich daran erinnern. Ich bin ein kleiner Serienjunkie

    Liebe Grüße,
    Saskia-Katharina

  • Interessanter Beitrag, der zum Nachdenken anregt. Stranger Things ist eine tolle Serie. Aber W Magazine hat mich wirklich geschockt, ein 13-jähriges Mädchen so zu benennen. Wobei solche Listen sowieso einen zweifelhaften Ruf haben und nicht zu ernst genommen werden sollten…

    Viele Grüße, Maren von http://www.lovelybees.net

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